NEUBAU DES KOMMUNIKATIONSZENTRUMS
FOCUS IN JENA

nicht-offener, einstufiger, interdisziplinärer
Realisierungswettbewerb

Susanne Seyfert
Matthias Seyfert

Rafael Pielorz
Vinzent Wallner

05|2022 – 07|2022

Wettbewerb Kommunikationszentrum FOCUS Universität Jena 050201
FOCUS – das Kommunikationszentrum der Friedrich-Schiller- Universität Jena am Campus Beutenberg – ergänzt den bestehenden Campus um neue Aspekte. Zu den vorhandenen Forschungsbauten gesellt sich ein Bauwerk neuen Typus.

Es positioniert sich westlich der Mittelachse des Ernst-Abbe- Zentrums und formuliert so einen gemeinsamen Vorplatz ohne die stadtlandschaftlichen Blickbeziehungen abzutrennen. Die Eingangsebene bildet eine Terrasse mit freiem Blick in Richtung Mönchsberg und das Leutratal.

Die Wegebeziehung von der Straßenkreuzung Hans-Knöll- und Albert-Einstein-Straße her wird betont und gestärkt. Von hier aus erschließt eine Treppenanlage den Hauptzugang des FOCUS ebenso wie das Ernst-Abbe-Zentrum.

Die Außenanlagen stellen optisch eine grün geprägte Verbindung zwischen der Lichtenhainer Höhe und der Landschaft im Süden her. Das bewegte Gelände mit Hügeln und Hängen wird mit ortstypischen Kräutern einer blühenden Bergwiese nachempfunden und bietet so mikroklimatische Aufenthaltsqualität direkt auf dem Campus.

FOCUS positioniert sich als flexibel bespielbares Raumgerüst oberhalb der Eingangsterrasse und auf einer in den Hang eingebundenen Tiefgarage. Das Bauwerk nutzt die maximal mögliche Höhe aus und hält so die östliche Grundstückshälfte frei. Die Zufahrt erfolgt von der Hans-Knöll-Straße. Die Ausfahrt und Anlieferung an der Albert-Einstein-Straße nutzen die entstehende Geländekante.

Massive Holzbinder umschreiben einen würfelartig proportionierten Luftraum, der in mehreren Schritten flexibel nutzbar gemacht wird:

1 Zunächst wird das vorgegebene Raumprogramm in das Raumgerüst aus Holzbindern eingehängt. Die Bausteine Kommunikation (rot, unten) und Gastronomie (blau, oben) werden als Holzleichtbauten in das Holzbindergerüst eingestapelt. Die Vertikalerschließung (gelb) verspannt und verbindet diese initiale Raumkomposition.

2 Zwischen und auf den Raumboxen entstehen Terrassen, Nischen, Loggien und Balkone. Diese sind nicht zufällige Nebeneffekte, sondern räumlich komponiert und mit Treppen verbunden. Es entsteht ein Erlebnisweg vom Platz am Boden über mehrere Stationen bis zur Terrasse auf der obersten Ebene.

3 Hier oben zeigt sich der dritte Aspekt des Raumgerüstes: Es ist Aussichtsplattform.
Dabei ist nicht nur der weite Blick ins Saaletal erhellend. Man bekommt einen Überblick. Man bekommt diesen über den Campus, über die Stadt, die Landschaft und mit etwas Glück durch den Perspektivenwechsel auch über sich selbst bzw. über die Themen mit denen sich die WissenschaftlerInnen gerade beschäftigen.

4 Schließlich ist das Holzbindergerüst per Definitionem zukunftsoffen. Wir kennen die Aufgaben von morgen nicht. Sie lassen sich erahnen, aber nicht zuverlässig in die Räume von heute hineindenken. Deshalb verbleiben Leerräume, die noch besetzt werden können, die dazu auffordern und anregen die Struktur zu füllen.
Ein Foodtruck auf dem Dach als Highlight für eine Geburtstagsparty, Freiluftkino über den Hügeln des Saaletals, Urban Gardening oder Vogelvoliere, Katzencafé oder Kletterspielplatz kurz: Wolkenkuckucksheim am Beutenberg mit vielen heute nicht planbaren Entwicklungsmöglichkeiten.

Das Gebäudeprogramm stützt sich auf moderne Aspekte der baulichen Nachhaltigkeit:

1 Ressourcen sparsam und umweltschonend einsetzen: Holzleimbinder und Raumboxen können zu 100% aus nachwachsenden Rohstoffen errichtet werden. Durch die konsequente Trennung von kalter Konstruktion (Tiefgarage) und warmer Konstruktion (Holzbinder/ Raumboxen) wird es möglich, aufgeschäumte Dämmstoffe (wie Styropor für die Perimeterdämmung) komplett aus der Konstruktion zu verbannen.

2 Recycling: Sämtliche Bauteile können wieder zerlegt und einer neuen Funktion zugeführt werden. Die Kreislaufwirtschaft ist auch schon in der Errichtung anwendbar, z.B. bei der Verwendung von Recyclingbeton für die Garage.

3 Energieeffizienz: Der Heizwärmebedarf kann ohne externe Energiezufuhr selbst erzeugt werden. Solarkollektoren auf dem Dach und an der Fassade liefern den Strom für Wärmepumpen, welche über einen Wärmespeicher unter der Garage das Gebäude im Winter beheizen und im Sommer temperieren. Modernste Technologien bei Kollektoren und Wärmepumpen und die überdurchschnittliche Dämmung ermöglichen eine angesichts steigender Energiepreise hochaktuelle Energieeffizienz.

4 Barrierefreiheit: Alle Bereiche sind über den zentral angeordneten Lift barrierefrei erreichbar. Von der Hans-Knöll- Straße aus ist auch die Eingangsebene treppenfrei zugänglich.

Brandschutz und Rettungswegekonzept: Die Garage mit höheren Brandlasten ist in unbrennbaren Baustoffen errichtet. Sie ist konsequent vom oberirdischen Gebäude entkoppelt – Aufzugsschacht durch Vorraum abgeschieden – Treppe nur über den gedeckten Außenraum erreichbar. Die Raumboxen sollen in brennbaren Baustoffen mit nur geringem Brandschutz (REI30) errichtet werden und es soll kein Fluchttreppenhaus geben. Das wird durch die Abtrennung der einzelnen Funktionsbereiche im Brandfall möglich und durch die zusätzliche außen liegende Treppe.